Ruhe oder Ruhm – Artikel aus DIE ZEIT vom 02.09.2010
Das Erzgebirge könnte Weltkulturerbe werden. Manche in der Region aber schreckt das Beispiel Dresdens ab
Der Abend, an dem die Erzgebirgler beratschlagen, ob sie sich mit den Vereinten Nationen einlassen sollen, riecht nach Schweinebraten und Bauernfrühstück. Das Berghotel Pöhlberg liegt 832 Meter über dem Meeresspiegel, ein steiler Pfad führt von Annaberg-Buchholz weiter in den Wald hinauf. Auto-Aufkleber künden vom »Haamitland Arzgebirg«. Die FDP hält Kreisparteitag in der Bergidylle.
Die Schlacht beschäftigt die Menschen hier seit zwölf Jahren, in diesen Monaten findet sie ihren Höhepunkt. Eine Region ringt mit sich und auch mit der Welt. Das Erzgebirge streitet, ob es Weltkulturerbe werden soll: mit seinen Hügeln und Tälern, seiner über Jahrhunderte gewachsenen Bergbaulandschaft – und den prächtigen, von altem Reichtum kündenden Innenstädten.
Die Stadt- und Gemeinderäte der betroffenen Kommunen haben Planungsstudien bewilligt, die Bürgermeister sind begeistert. Der Landrat von Mittelsachsen, Volker Uhlig, ist Vorsitzender des Fördervereins. Allein: Die Landespolitik und manche Bürger streiken nun. Einige Parteien, voran die FDP, scheuen den Streit ums Erbe. Denn dies ist das Jahr eins nach der Aberkennung des Dresdner Welterbe-Titels.
Dabei ist die Chance für das Erzgebirge riesig, so lautet das Ergebnis mehrerer Studien der TU Freiberg. Es wäre der Aufstieg der Region in eine Liga mit den ägyptischen Pyramiden, dem Kölner Dom und der Akropolis. Im Zeitalter der Hitlisten ist das Unesco-Prädikat das beste Siegel. Zumal für Regionen, die bisher kaum Strahlkraft haben. Seit 1998 steht die »Montan- und Kulturlandschaft Erzgebirge« auf der deutschen Warteliste für die Aufnahme ins Welterbe. Jetzt wird es ernst. »Die Prozesse um die Waldschlösschenbrücke«, sagt Frank Wend, Sprecher des sächsischen Innenministeriums, »haben für eine hohe Sensibilität bei dem Thema gesorgt.« Das Erzgebirge muss sich nun überlegen, ob es berühmt werden oder weiter seine Ruhe haben will.
Nur hier ist die Entscheidung über die Bewerbung schwerer als diese selbst
Wird der Status, fragen die Kritiker, aus ihrer Region ein Museum machen; ist er eine »Käseglocke«, konservierend und fortschrittsblockierend? Das Erzgebirge, dicht besiedelt mit einer Million Menschen, Standort von Zehntausenden produzierenden Betrieben, ist einer der wichtigsten Industrieräume des Ostens – noch immer.
Helmuth Albrecht sagt, dass er keine Welterbe-Stätte kennt, bei der die Entscheidungsfindung vor Ort schwerer war als das eigentliche Bewerbungsverfahren. Die FDP hat ihn zur Meinungsbildung ins Berghotel geladen, als Pro-Redner gegen eine ganze Kontra-Bank: Sie nennen ihn den »Unesco-Professor«. Seit 13 Jahren leitet er den Lehrstuhl für Technikgeschichte und Industriearchäologie an der TU Freiberg, er ist Vorsitzender der »Projektgruppe Montanregion Erzgebirge«. Albrecht ist der wohl wichtigste Mann hinter der Welterbe-Initiative.
Und er sticht heraus aus all den Rednern im Saal, weil er klüger spricht und besonnener. Albrecht ist geboren im niedersächsischen Celle, hat lange in Braunschweig gelebt, doch nichts, sagt er, habe ihn jemals fasziniert wie das Erzgebirge. Emotional sei er einer von hier. Er will den Menschen das Selbstbewusstsein zurückgeben, er will das Gebirge auf dieser Liste haben, er sieht die Chancen und auch die Gefahren. Die Chancen findet er bei Weitem größer.
Im Gegensatz zu Dresden könne das Erzgebirge durch den Titel viel bekannter werden: »Sehen Sie sich Quedlinburg an. 1994 hatten die 50.000 Besucher. Heute sind es 150.000. Oder die Zeche Zollverein, von 27.000 auf 800.000!« Eine große Firma aus Freiberg, sagt er, die Probleme mit der Fachkräftegewinnung habe, höre gar nicht mehr auf, von den Möglichkeiten zu schwärmen, die das Weltkulturerbe mit sich bringen würde. »Es wird immer so getan, als stünde hier Kultur gegen Wirtschaft«, sagt Albrecht. »Dabei verbindet der WelterbeTitel beides. Das Erzgebirge ist eine über Jahrhunderte vom Montanwesen geprägte Region. Wir haben 20.000 eigenständige Denkmale, die mit dieser Geschichte in Verbindung stehen.«
Albrechts Konzept konzentriert sich auf solche Einzeldenkmale, 32 hat die Projektgruppe ausgewählt, vom »Segen Gottes Erbstolln« in Gersdorf über das historische Zentrum Marienbergs bis zur Saigerhütte Grünthal. »Zusammen keine 0,1 Prozent der Gesamtfläche«, sagt Albrecht, »klar überschaubare, abgegrenzte Einheiten.«
Einst wurde im Erzgebirge ein Vorläufer des Aktiensystems erfunden
Aber ist das Erzgebirge von jenem »außergewöhnlichen universellen Wert für die Menschheit«, den die Unesco von ihren Bewerbern fordert? Ja, sagt Albrecht, von den sechs Kriterien der Unesco erfülle es vier, eines allein würde für die Bewerbung reichen. »Wir haben die Chance«, sagt er, »Geschichte zu schreiben.«
Wer wissen will, wo das Erzgebirge welterbe-verdächtig ist, muss Matthias Förster treffen und einen Helm aufsetzen. Dann geht es, im Hof des Erzgebirgsmuseums, eine Treppe nach unten in die Tunnel von Annaberg-Buchholz. »Wir wolln net großkotzig sein«, sagt Förster, »aber wir ham schon ah a bissel was.« Unter dem Gebäude der Kreissparkasse hält er inne. »Alles kommt vom Bergbau her« ist ein alter Spruch in der Region, Försters Augen glänzen. Seit der Wende ist er der Mann für die Außendarstellung der Stadt: Werber, Trommler, Patriot. Das Weltkulturerbe, sagt Förster, wäre die Krönung einer Entwicklung.
Sie begann im Jahr 1168 mit dem ersten Silberfund bei Freiberg. 1491 entdeckte man reiche Silbervorkommen unter Annaberg: Das »Große Berggeschrey« lockte Bergarbeiter und Entdecker. »Das war das sächsische Pendant zum Goldrausch am Klondike River!«, sagt Förster. Die Grundlage für den Aufstieg. Auch für den Aufstieg Dresdens, denn wer habe den bezahlt? »Wir.«
Er kann dutzende Beispiele aufsagen für Entwicklungen, die heute noch den Menschen nützten. Nur mal eines: Bei der Erschließung der Bergwerke entstand das Kuxsystem mit Anteilsscheinen, für Förster der Vorläufer des Aktiensystems.
Annaberg ist eine Planstadt, sie fraß sich in den Berg und wurde immer schöner. Ein Traum aus Stein, schmale Gassen mit steilem Anstieg, prächtig sanierte Trutzburgen verstrichener Zeit. Ein kleiner Weg führt zur Kirche St. Annen, der schönsten aus der Spätgotik hier, am Stück durchgebaut; man war reich. Ganz oben wohnt noch immer die einzige Türmerfamilie Europas.
Es gibt aber Annaberger, die in alldem kein Welterbe sehen wollen. Einer ist Steffen Flath, er war Umwelt- und Kultusminister und führt nun die CDU-Landtagsfraktion. »Ich erkenne die Arbeit des Herrn Albrecht an«, sagt Flath, »er hat den Leuten vor Augen geführt, was wir hier haben.« Die Planung der Welterbe-Bewerbung habe viel Gutes bewirkt, nicht zuletzt eine gemeinsame Identität als Montanregion. »Aber«, sagt Flath, »wir sollten es jetzt bei den Vorbereitungen belassen.« Es gebe zig Landschafts- und Vogelschutzgebiete, Flächen- und Einzeldenkmale, das sei heute alles schützenswert. »Aber will man denn«, fragt Flath, »auch die letzten weißen Flecken noch mit dem Schutzstatus versehen? Die meisten Menschen leben nicht vom Tourismus, sondern vom Gewerbe.«
Gar ähnlich sieht es Karl Noltze (CDU), frisch pensionierter Chemnitzer Regierungspräsident. Der Unesco sei egal, was für die Entwicklung des Erzgebirges von der Politik vorgegeben werde. »Wenn wir Kulturerbe sind, bewegen Sie hier in der Region nichts mehr.« Das Welterbe, sagt ein anderer, sei für das Erzgebirge wie das, was Gunther von Hagens mit Toten tue, »das Plastinieren einer Leiche«.
Helmuth Albrecht versteht das nicht. Alle nominierten Objekte stünden heute schon unter Natur- oder Denkmalschutz, seien so oder so unantastbar. »Die Unesco will eine sich weiterentwickelnde Kulturlandschaft. Das sind wir.« Was im schlimmsten Fall passieren könne, sei eine Wiederaberkennung des Titels. Albrecht ist auch Mitglied im Beirat der Welterbe-Stätte Goslar/Rammelsberg, wo seit Jahren alles reibungslos funktioniere. Das Erzgebirge werde kein Museum. »Wir wollen nicht die Asche von gestern anbeten«, sagt Albrecht, »wir wollen ein Feuer entfachen.«
Im Berghotel, auf dem Kreisparteitag, wird schließlich ein Beschluss verabschiedet: »Die FDP spricht sich nicht gegen eine Welterbe- Nominierung des Erzgebirges aus, wenn…« Dann geht es ums Geld. Vielleicht hält man das Vorhaben, sich nicht gegen etwas auszusprechen, für kreative Politik. Vielleicht weiß man auch, dass es eine vergebene Chance ist, eine vergebene Chance für ein ganzes Land.




